Sehr geehrte Herr Kollege,
leider vollzieht sich bei vielen unserer Lieferanten im Fleischereibedarf und im Großmarkt ein Wandel, der mit der Flexibilität und der Kundenorientierung nicht mehr übereinstimmt.
In diesem Beitrag hier spreche ich beispielhaft hierzu verschiedene Situationen an, die jedoch in keiner konkreten Relation zu bestimmten Unternehmen stehen. Auch sind die Kundennamen frei erfunden.
Los geht’s:
Heute hängt ein Schild an unserer Ladentür: „Wegen Systemumstellung geschlossen!“ Wie interessant, wie aufregend; die Leute bleiben vor dem Geschäft stehen, dabei überlegend, welche Neuerungen sie erwarten. Einige aber drehen sich um und gehen verärgert weg… „Der Otte hätte ja mal was sagen können, wo bekomme ich jetzt mein Essen her..?“
Am nächsten Tag öffnet unsere Fleischerei. Alles ist moderner eingerichtet, mehr Werbung erreicht die emotionale Bereitschaft zum Kaufen. Zwischen all dem Zauber der Gefühlswelt blinken unscheinbare Preisetiketten; sind unsere Preise etwas gestiegen…? Nicht alle!
Wenn ich meinen Verkauf so handhaben würde, wie so manch ein Großmarkt es momentan praktiziert,wäre eine folgende Situation in unserer Fleischerei vorstellbar:
Genervt kommt ein Kunde mit einem großen Karton zu mir.
„He, die Leberwurstdosen sind im 10er Karton eingepackt. Leider esse ich die nur alleine, meine Frau mag lieber Sülze.“ „Kein Problem“, antworte ich. “Sülze steht im 10er Karton gleich daneben.“ „Aber ich brauche doch gar nicht soviel!“, erwidert der Kunde maulend. „Tut mir leid, logistisch ist das nicht anders möglich. Da müssen Sie halt Ihre Essgewohnheiten etwas umstellen, Ihre Frau wird das wohl sicher verstehen. Außerdem sind mir die Hände gebunden, ich bin hier auch nur angestellt!“
Schlau wie ich bin, habe ich vor unserer Neueröffnung meine Position innerhalb meines Betriebes gewechselt; Angestellter im eigenen Betrieb zu sein löst manchmal Mitleid aus.
Dieses Mal habe ich aber Pech…„Wenn die Kartons nicht bald etwas kleiner werden, muß ich Fleischer Borstig um die Ecke aufsuchen. Ist vielleicht nicht billiger, aber ein ganzes Jahr Leberwurst esse ich nicht!“ Der Kunde verlässt sauer das Geschäft.
Wir sind modern. Und moderne Entscheidungen können auch manchmal unpopulär sein. Damit kann ich leben.
„Wo sind denn meine geliebten Tomatenleberwurstgläser? Ich kann Sie nicht finden.“ Frau Becker schaut mich ratlos an. „Ausgelistet“, sage ich. Wegen der 5 bis 6 Gläser, die sich in der Woche verkaufen, verschwende ich doch keinen unnötigen Platz für 10er Kartons. Schnell rein, schnell raus; die Reduzierung auf die Hälfte der vorherigen Artikel hat sich gelohnt. „Aber wir führen immer noch die Hausmacher Leberwurst und die Grobe.“ Und die ist jetzt umso frischer, da sie zwangsläufig stärker gekauft wird… Frau Becker schaut mich enttäuscht an.„Wie erkläre ich das meinen beiden Enkeln? Die beiden Kleinen essen doch nur diese Sorte…“ Egal, sie wird es ihnen schon irgendwie beibringen, denke ich.
Plötzlich schellt das Telefon. „Herr Otte, gut, dass ich Sie noch so kurz vor Ladenschluss erreiche. Eben hat sich noch kurzfristig Verwandtschaft angesagt Die wollen bis morgen Abend zu meinem Geburtstag bleiben. Kann ich noch etwas Wurst bestellen??“
Typisch Herr Meier, immer der Letzte, kurz vor Ladenschluss.
„Kommissionierung nur bis 15 Uhr, tut mir leid. Ich rate Ihnen, in nächster Zeit etwas früher anzurufen, oder legen Sie sich für zu Hause doch einfach einen größeren Kühlschrank zu. Dann können Sie schnell auf die Wurst zurückgreifen, wenn sich Besuch ansagt.“
Leicht beseelt muß ich grienen; das geschieht diesen Leuten recht, die erziehe ich mir schon! Früher waren die Bestellungen vor allem vor größeren Feiertagen schon 2 Wochen vorher an der Pinnwand. Heutzutage kommen die Leute in den Laden und meinen, man hätte alles im Regal. Ich kann doch auch nicht alles lagern. Und wer möchte schon totes Kapital im Betrieb? „Aber dieses Weihnachten wird anders. Wer nicht früh genug bestellt, hat Pech gehabt. Dann gibt’s halt Rotwurststullen zum Fest!“
Die Verkäuferinnen verabschieden den letzten Kunden und schließen den Laden ab. Zufrieden schaue ich in die Verarbeitungsräume. Das Personal ist schon vor Stunden nach Hause. „Nun ja, was sollen die auch hier. Bei den wenigen Sorten, die wir jetzt nur noch herstellen, ist soviel Personal eh nicht mehr notwendig. Vielleicht sollte ich in nächster Zeit auch hier etwas kürzen oder nur noch stundenweise arbeiten lassen.“
Ich schaue in die Partyservicebestellungen und ordne meinen nächsten Tag. „Der Wandel hat sich auch hier vollzogen“, denke ich. Die Karte ist auf wenige Artikel geschrumpft. „Früher waren es an die 60 Gerichte, Renner davon waren nur ca. 25, 10 wurden ab und an gewünscht, der Rest erwies sich als Flop. Nur noch die Stars anzubieten, das sollte wohl der breiten Masse gefallen…“
Meine Frau schaut mich verwundert an. „Möchtest du jeden Tag Leberwurst essen?“, fragt sie verdutzt.
P.S.: Herr Meier kam am nächsten Tag leider nicht, um Wurst zu holen. Ich nehme an, seine Verwandschaft ist wohl doch nicht so lange geblieben. Und Frau Becker fragt immer noch bei jedem Einkauf nach der Tomatenleberwurst. Die kapiert es wohl nie…
Kennen Sie solche Situationen auch?
Jetzt könnte natürlich argumentiert werden, dass auch im Interesse des eigenen Betriebs ein solches Denken vorrangig und notwendig sein müsste.
Natürlich ist effizientes Arbeiten wichtig, sicher muss das eigene Geschäft wandelbar sein wie ein Auto, das immer mal wieder neue Reifen bekommt oder bei dem ein Ölwechsel ansteht…
Aber wenn diese Neuerungen zu Lasten der Kunden gehen, ist die Fleischerei im Ort immer der Verlierer. Unsere Kunden schätzen die Flexibilität und das Eigenengagement des Fleischermeisters; sie kaufen nicht im Discounter XYZ, sondern bei ihm. Und sie verzeihen nicht so schnell, wenn sie ihn persönlich beim Namen kennen.
Mein Appell an die Berufsehre, ohne unsere Großlieferanten anzugreifen, aber zum Nachdenken anzuregen:
Leidenschaft ist, was diesen Beruf prägt. Gute Qualität ist Voraussetzung, Individualität und Service sind unser Plus. Dessen sollten wir uns bewusst sein, wenn wir den Kunden bedienen, der zu uns kommt, weil wir auf ihn eingehen.
Mit freundlichen Grüßen
Fleischermeister Daniel Otte